Bürgermeister Dänner zum Leerstand

Zitat: "Der Politik die Schuld zu geben ist immer recht einfach" - Offener Brief

Tanns Bürgermeister Mario Dänner
Archivbild: Marius Auth

13.01.2018 / TANN (RHÖN) - "Sehr geehrtes Team von Osthessen-News,

als Bürgermeister der Stadt Tann (Rhön) möchte ich gerne Stellung zu Ihrem Artikel „Tann (Rhön) - Der Verfall einer Kleinstadt“ (siehe Button 'Mehr zum Thema', d.Red.) beziehen. Sicherlich und unbestritten umschreibt dieser in trauriger und plakativer Art und Weise, dass es in Tann (Rhön) im Bereich der Hauptstraße erhebliche Leerstände gibt. Diese sind insbesondere auf die zahlreichen Geschäftsschließungen der letzten Jahre zurückzuführen. Eine Situation, mit der sich in den letzten Jahren nahezu alle Kommunen (auch die großen Städte) konfrontiert sehen und deren Lösung nicht ganz einfach ist.

Leider vermittelt der Artikel alleine durch die Überschrift sowie dem dann folgenden Inhalt den Eindruck, dass Tann (Rhön) dem Verfall preisgegeben ist. Weder über die Ursachen dafür noch über die bereits erfolgten, vielfältigen Anstrengungen, diesem Entgegenzuwirken wird ein Wort verloren. Zitate einer Bürgerin wie „Die Stadt kümmert sich nicht um uns“ verstärken dies noch und suggerieren, dass die Verantwortlichen in der Politik die alleinige Schuld für die Situation tragen und es nichts Positives über Tann (Rhön) zu sagen gibt.

Der Politik die Schuld zu geben ist dabei immer recht einfach. Doch wird man ihr dadurch gerecht? Und was sind die Ursachen für den Verfall der Ortskerne?

Als Erstes und Wichtigstes ist hier das völlig veränderte Verbraucherverhalten zu nennen. So wie es vor vielen Jahrzehnten noch ein Kino in Tann gegeben hat, gab es damals noch eine bunte Vielfalt an Geschäften. Das Kino musste irgendwann schließen, da es nicht mehr zeitgemäß war und die Verbraucher schlichtweg nicht mehr hingegangen sind. Im Übrigen auch ein Problem heutiger High-Tech Kinos, die es kaum noch schaffen genügend Umsätze zu erwirtschaften, um dauerhaft existent bleiben zu können. Cafés mussten schließen, da man als Verbraucher beschlossen hat, seine Kaffeespezialitäten lieber im heimischen Wohnzimmer zu konsumieren. Ähnlich verhält es sich mit dem vor Jahren noch beliebten Gang „in die Kneipe um die Ecke“. Auf Neudeutsch nennt sich das dann „Homing“, also der Trend mehr Zeit zu Hause zu verbringen und in den eigenen vier Wänden zu feiern. Dies ist ebenso ein Grund dafür, warum Dorfgemeinschaftshäuser, die in den 70er Jahren noch eine regelrechte Boomphase hatten, immer weniger frequentiert und genutzt werden.

Geschäfte müssen schließen, da die überwiegende Anzahl der potentiellen Käufer den Online-Handel bevorzugt. Verbraucherverhalten verändert sich halt. Der Verbraucher lässt sich nicht vorschreiben, wo er einkauft oder welche Dienstleistung er in Anspruch nimmt. Es muss sich immer das Unternehmen an die Verbrauchsgewohnheiten anpassen. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben, ob wir es gut finden oder nicht. Wenn wir uns entscheiden, dass wir Brot, Brötchen, Wurst und Fleisch lieber beim Discounter kaufen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn es irgendwann keine Bäcker und Metzger mehr gibt. Wenn wir alle lieber von zu Hause aus bei Online-Händlern einkaufen, wird es eben keine Geschäfte mehr geben. Ich meine dies nicht vorwurfsvoll oder kritisierend. Aber dies ist die Konsequenz dessen, was wir tun.

Eine weiterer Grund ist im finanziellen Ausbluten des ländlichen Raumes zu sehen. Man kann noch so viele gute Ideen und Visionen haben. Letztendlich benötigt man aber für alles Tun und Handeln genügend Geld. Ist dies nicht vorhanden, können gute Projekte nicht umgesetzt werden. An dieser Stelle muss ich wieder an die Verantwortlichen in Land und Bund appellieren, den Kommunen eine ausreichende Finanzausstattung zur Verfügung zu stellen, um Infrastruktur ordnungsgemäß unterhalten zu können. Wir brauchen alle keine hochbürokratisierten und personell kaum zu bearbeitenden Förderprogramme, für deren Beantragung und Verwaltung man mittlerweile Experte sein muss, sondern wir brauchen Finanzmittel.

Was kann man also gegen Geschäftsleerstände tun? Eine Frage, die ganze Spezialistenteams beschäftigt und viel diskutiert wird. Eine Antwort zu finden ist aber umso schwerer. Und eine für alle gültige Musterantwort existiert nicht. Ich  möchte hierzu anmerken, dass sich insbesondere die Verantwortlichen der Tanner Stadtpolitik intensive Gedanken machen, wie dem Leerstand entgegengewirkt werden kann. Bürgermeister, Magistrat und Stadtverordnete arbeiten alle daran, dass unsere schöne Stadt Tann (Rhön) liebens- und lebenswert bleibt. Eine Vielzahl von Tanner Bürgerinnen und Bürgern engagieren sich für Ihre Stadt. Ehrenamtlich und ohne Entgelt. Alle wollen dazu beitragen, dass die Herausforderungen aktiv angegangen werden.

Tanner Vereine wie „Tann-Aktiv e.V.“ und „Füreinander da sein e.V.“ wurden gegründet und tolle Projekte initiiert und durchgeführt. Die "Aktiv-Stiftung" hat kürzlich das wunderbare Projekt "Rhönhof" umgesetzt und ich bin sehr zuversichtlich, dass mit Unterstützung der Tanner auch die Renovierung und Revitalisierung des "Elf-Apostel Hauses" mit angrenzender ehemaliger "Judenschule" gelingen wird. Die Stadt Tann (Rhön) unterstützt dies auf vielfältige Art und Weise. Ich kann nur an unsere Bürgerinnen und Bürger appellieren: „Macht mit und bringt euch ein!“ Nur gemeinsam werden wir die Herausforderungen der Zukunft lösen können. Wir alle sind Tann (Rhön)!

Leider vermisse ich diesem Artikel Hinweise darauf, was innerhalb der Stadt passiert, um dem entgegen zu wirken. Als Bürgermeister hätte ich erwartet, dass man zumindest einmal nachfragt. Aber dies war scheinbar nicht gewollt. Es sollte offensichtlich nur das Negative berichtet werden. Positives wurde leider bewusst ausgeklammert. Tann (Rhön) ist immer noch „grenzenlos schön...“. Wir Tanner können und müssen stolz auf unsere Stadt sein. Wir sollten uns nicht verstecken, sondern gemeinsam voran gehen. Wir haben hier nahezu 1.000 Arbeitsplätze in soliden mittelständischen Unternehmen. Im Gegensatz zu vielen anderen Gemeinden haben wir noch eine funktionierende Gastronomie. Niemand hat eine höhere Dichte an Direktvermarktern mit tollen, qualitativ hochwertigen, regionalen Produkten. Aus Tann (Rhön). Viele unserer Unternehmen sind bis weit über die Grenzen von Tann (Rhön) bekannt und genießen höchste Anerkennung.

Wir können uns glücklich schätzen, einen wunderschönen, historischen Stadtkern mit vielen Sehenswürdigkeiten und Museen zu haben, der wie auch unser Tanner Geriethbad einmalig im Landkreis Fulda ist. Unsere Landschaft lockt jedes Jahr tausende Übernachtungsgäste und Tagestouristen nach Tann. Alle signalisieren uns immer wieder, wie schön es doch bei uns ist. Unser Kultur- und Veranstaltungsprogramm und die Tanner Feste sind weit über die Grenzen unserer Stadt beliebt und bekannt und waren gerade im letzten Jahr vielfältig und abwechslungsreich wie nie. In den Tanner Kindertagesstätten wird sich vorbildlich engagiert und liebevoll um unseren Nachwuchs gekümmert und dabei haben wir mit die längsten Öffnungszeiten pro Woche im gesamten Landkreis Fulda. Der Wohnraum ist in den letzten beiden Jahren knapp geworden. Es ist gibt nahezu keine Leerstände in diesem Bereich. Häuserneu- und ausbautätigkeiten sind höher als lange Zeit zuvor.

Auch dies ist Tann (Rhön). Und das ist es, worauf wir stolz sein können, trotz aller Schwierigkeiten und künftigen Herausforderungen. Und nachdem der städtische Haushalt ab diesem Jahr seit dem Jahr 2009 erstmalig wieder Überschüsse ausweist und die Finanzaussichten für die nächsten Jahre sehr positiv sind, können wir auch finanziell in eine bessere Zukunft blicken. Besonders diese Fakten haben es verdient, erwähnt zu werden. In einem Artikel, der uns als dem Verfall preisgegeben tituliert.

Tann (Rhön), den 12.01.2018

Mario Dänner
Bürgermeister der Stadt Tann (Rhön)." +++