Am 1. März übernimmt der Nachfolger

24 Jahre Bürgermeister Schwiddessen: "Man braucht schon ein dickes Fell"

Karl-Josef Schwiddessen
Fotos: Marius Auth

14.02.2018 / PETERSBERG - Petersbergs Bürgermeister Karl-Josef Schwiddessen hat seit 1994 die Geschicke der Stadtrandgemeinde gelenkt. Am 1. März 2018 übergibt er an Nachfolger Carsten Froß. Im Interview erklärt der 68-Jährige, warum ihn das Amt ganze 24 Jahre begeistern konnte. 

Schwiddessen arbeitet an seinem Stehpult im Rathaus, vom Fenster aus sind es keine fünfzig Meter bis zur Stelle, wo das Elternhaus stand, in dem er 1949 geboren wurde. Die dörfliche Prägung mit Stadtnähe macht den Reiz Petersbergs heute aus, damals war alles Dorf: "Wir haben als Kinder noch zwischen den Misthaufen gespielt. Bürgermeister Josef Petry hat 1959 damit begonnen, die ersten Landwirte an den Ortsrand auszusiedeln, um Platz im Kern zu schaffen. Inzwischen sind diese Höfe beinahe wieder von den Wohngebieten eingeholt worden", erklärt Schwiddessen.

Am 1. März wird der Langzeit-Bürgermeister zum Privatmann, ob es wohl schwerfallen wird, sich von den Aktenordnern zu befreien? "Nein. Im Moment habe ich eine große Vorfreude darauf, der Chef meines eigenen Terminkalenders zu sein. Ich entscheide, wo ich hingehe und was ich mache. Das Amt des Bürgermeisters ist spannend und abwechslungsreich, aber die zeitliche Belastung ist enorm: Wenn die Ehefrau oder die Enkel etwas unternehmen wollen, muss immer erst der Terminplan befragt werden." 24 Jahre wird Schwiddessen im Petersberger Rathaus regiert haben, das er schon als 19-Jähriger kennengelernt hat: Verwaltungslehre Ende der 1960er-Jahre, Tätigkeit als Inspektoranwärter und Leiter des Hauptamts bis 1985 machen mit Strukturen und Prozessen der Administration vor Ort vertraut.

Und doch: Als 1985 in der kleinen Gemeinde Schwalmtal bei Lauterbach die Bürgermeisterstelle ausgeschrieben wird, bewirbt sich Schwiddessen. "Es war alles organisiert, alles in geordneten Bahnen in Petersberg. Steuerkarten, Ausweise und was noch so anfällt beim Hauptamt - ich habe mich gefragt: Willst du das bis zur Rente machen?" Schwiddessen wird in der nur 3.500 Einwohner zählenden Gemeinde im Vogelsbergkreis das Vertrauen geschenkt, bis 1994 gilt dort: Ärmel hochkrempeln. "Die Verwaltung war anfangs das reine Chaos. Die geöffnete Post lag einfach herum, Strukturen gab es kaum. Da ich in der Verwaltung groß geworden bin, konnte ich gleich anpacken. Die Zeit als 'kleiner Bürgermeister' hat mich auch geprägt: In Schwalmtal war ich selbst Chef der Kläranlage – einfach für alles zuständig."

Als der damalige Petersberger Bürgermeister Christoph Hillenbrand stirbt, wird Schwiddessen gebeten, zu kandidieren und kehrt 1994 nach neun Jahren in seine Heimatgemeinde zurück: "Ich hatte zwischenzeitlich sogar zwei Angebote hessischer Gemeinden, dort Bürgermeister zu werden, aber ich bin kein Globetrotter. Zuhause Verantwortung zu übernehmen hatte natürlich einen besonderen Reiz." Mit 58,2 Prozent wird Schwiddessen am 16. Januar 1994 zum neuen Bürgermeister Petersbergs gewählt. Einer der ersten Gratulanten: Ex-Bürgermeister Josef Petry, der von 1959 bis 1986 regiert hatte. "Ich kann mich noch an den Spruch erinnern: 'Na, ob du es schaffst, solange wie ich zu arbeiten?' Das war eben noch die alte Schule. In Petersberg gab es 1994 schon sehr gute Strukturen, auf die man aufbauen konnte: Jeder Ortsteil hatte ein Dorfgemeinschaftshaus, damals wurde gerade in Steinhaus der letzte Kindergarten gebaut. Sportplätze hatte jeder Ortsteil, der Fußball gespielt hat. Deswegen war ich angetreten mit dem Versprechen der 'Veredelung der Verhältnisse' – man konnte überall noch einen draufsetzen. Die komfortable politische Mehrheit hat natürlich auch geholfen."

Im Juni 2008 wird der neue Autobahn-Anschluss Fulda-Mitte nach elfmonatiger Bauzeit für den Verkehr freigegeben – ein Herzensprojekt von Schwiddessen: "Ohne Fulda-Mitte hätte das Gewerbegebiet Petersberg-Ost nicht so brummen können. Früher war die Verkehrsbelastung an der Petersberger Straße schon enorm, 25.000 Fahrzeuge wurden täglich gezählt. Die Bürgerinitiative ist uns aufs Dach gestiegen, vor allem wegen der vielen Lastkraftwagen. Durch die Autobahn-Anbindung ist das Gewerbegebiet nochmal attraktiver geworden. Ich habe früher immer gesagt: 'Im Osten geht die Sonne auf' – der Industriepark Fulda-West hat zwar durch den Westring profitiert, aber unser Gewerbegebiet liegt nunmal perfekt. Dabei hatten anfangs viele befürchtet, dass das Verkehrsaufkommen für Petersberg durch Fulda-Mitte noch steigen wird – erst ein Gutachten in 1999 musste nachweisen, dass die zu erwartenden Verkehrsströme anders verteilt werden."

Ausdauer und eine ausgeprägte Frustrationstoleranz lehren auch andere Projekte der damaligen Zeit: "Als die Alte Ziegelei, die es seit nunmehr gefühlt 12 Jahren gibt, in der Diskussion war, wurden Ängste geschürt: Die Häuser würden aufgrund der Bodenbeschaffenheit versacken, später gab es mit der Stadt Fulda ein Hauen und Stechen, weil bestimmte Discounter angesiedelt werden sollten. Heute ist es ein sehr attraktives Nahversorgungszentrum, das gut angenommen wird, auch aus Fulda. Auch beim Justus-Liebig-Center, das 2010 eröffnen konnte, gab es eine Klage der Stadt gegen die Baugenehmigung."

Im Vergleich dazu wirken manche Querelen rückblickend wenig dramatisch: Die Berichterstattung über extravagante Senioren-Sitzgelegenheiten, die im Jahr 2014 selbst Fernsehkameras nach Petersberg brachte, entlockt Schwiddessen nur noch ein Schmunzeln: "Man braucht schon ein dickes Fell. Aber das hat mich wenig belastet. Die Entscheidung für die Sitzgelegenheiten war allen Mandatsträgern bekannt gewesen, nur hat es kaum jemanden interessiert – bis es umgesetzt war. Größere Aufregung gab es in der Diskussion um den Mobilfunk-Mast am Stadion Waidesgrund im Jahr 2004: Da bin ich beinahe gesteinigt worden, plötzlich wollte es keiner gewesen sein, auch vor persönlichen Beleidigungen wurde nicht zurückgeschreckt. Ich konnte die Hysterie schon damals nicht nachvollziehen, heute interessiert das Thema Mobilfunkstrahlung kaum jemanden mehr. Jetzt werden die Gemeinden, teils von denselben Bedenkenträgern, gedrängt, überall öffentliches WLAN bereitzustellen."

Beim ins Gespräch gebrachten Zusammenschluss von Fulda, Petersberg und Künzell winkt Schwiddessen ab: "Petersberg geht es so gut, dass es vom Land Hessen keine Kassenkredite abgelöst bekommt und keine Investitionszuschüsse bekommt. Wir haben es schwer in Wiesbaden – das ist auch eine Form von Lob. Ich sage den Leuten immer: Geht in die Stadtteile und schaut euch dort die Infrastruktur an – und dann schaut euch in Petersberg um. Wir stünden heute als Städter nicht so gut da."

Schwiddessen, der vier Kinder und zwei Enkelkinder hat, will ab dem 1. März an seiner sportlichen Form arbeiten, Tennis und Handball können als Hobby nun intensiver gepflegt werden: "Es gibt viele Möglichkeiten, sich in Petersberg einzubringen. Ich habe schon gesagt: Wenn ihr mich braucht, bin ich dabei – aber von nun an als Privatmann!" (Marius Auth) +++