Journalismus im Land voller Farben

Teil 2: "Das ist eben so in Indien" - Arbeiten im Land der Gegensätze

Gemeinsam nehmen wir an dem Attukal Pongala Festival in Trivandrum teil. 2009 brach dieses den Weltekord für die größte religiöse Versammlung von Frauen Weltweit.
Fotos: Sara Yermain

11.03.2018 / TRIVANDRUM - Selbst nach zwei Monaten hier in Indien hat sich mein Kulturschock kaum gelegt. Das Land präsentiert sich mit wunderschönen Landschaften, traumhaften Legenden und faszinierenden religiösen und medizinischen Praktiken. Gleichzeitig wird all dies von unvorstellbarer Armut und der scheiternden Politik des heutigen Indiens überschattet. Als Besucher im Land der Gegensätze fällt es unglaublich schwer, die täglichen Umstände hinzunehmen und zu versuchen, sich in den normalen indischen Alltag einzufinden.

Das "Indian Timing" hat mich ja schon am Anfang meiner Reise ordentlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Mit der Hoffnung, dass ich mich schnell fangen würde und das Chaos nach einigen Wochen verschwindet, habe ich mein Glück bei einer Tageszeitung versucht. Der Chief Editor, der englischsprachigen, indienweiten Tageszeitung "Deccan Chronicle", gab mir die Chance, für ein paar Wochen Lokaljournalistin zu spielen und eigene Artikel zu verfassen. Tatsächlich konnte ich viel lernen in meiner Zeit dort, vom generellen Bearbeiten von Texten bis zum obligatorischen "Style-Book" der Zeitung und der dementsprechenden Art zu zitieren.

Die am häufigsten genutzte Website einer meiner Kollegen war Netflix:

Abgesehen von den neuen fachlichen Erkenntnissen fiel mir auch viel über die indische Arbeitswelt und Arbeitsethik auf. In der Regel gilt: Wer erfolgreich werden will, wird entweder Arzt, Ingenieur oder Informatiker. Alles andere sind Nischenbereiche und bekommen weniger Anerkennung in der indischen Gesellschaft. Grundsätzlich wird den Menschen schon im Kindesalter beigebracht, hart und vor allem viel zu arbeiten. Arbeit und Erfolg bestimmen das Leben der Inder. Sechs bis sieben Tage die Woche muss man hier am Arbeitsplatz erscheinen, statt großer Erkenntnisse und effizienterer Arbeit sind die meisten Stellen jedoch schlicht überbesetzt und die Hälfte der Zeit wird abgesessen oder im Internet gesurft.

Obwohl auch viele meiner Kollegen nicht gerade glücklich mit der Situation waren, wurden die meisten meiner Fragen mit einem Schulterzucken und einem „Das ist eben so in Indien“ beantwortet. Diese Einstellung scheint sich nicht nur auf die Arbeitswelt zu beschränken, sondern kommt bei jeglicher Kritik an dem Land zum Vorschein. Egal, ob bei Fragen zu Politik, Umweltverschmutzung, arrangierter Eheschließungen oder anderen Themen - die Reaktion ist immer die gleiche, egal wen man fragt.

Es ist nicht einfach, mit der herzlichen und doch sturen und uneinsichtigen Mentalität der Inder zurechtzukommen. Ich lerne mit vielen Situationen besser umzugehen und treffe auf meinen Reisen und bei zahlreichen Interviews tatsächlich einige Gesprächspartner, die bereit sind, sich zu unterhalten und mir neue Sichtweisen zu zeigen. Grundsätzlich weiß ich aber, dass wenn mir das düstere, dreckige Indien zu viel wird, ein rettendes Wochenende kommt und ich gemeinsam mit drei anderen Volontärinnen die schönen Seiten Indiens erleben kann.

Neben Müllbergen und beißendem Gestank in den Städten gibt es gigantische Teeplantagen, Naturreservate und atemberaubende Strände zu bewundern. Wir nehmen an kulturellen Veranstaltungen teil, bereisen den ganzen Süden Indiens und haben jetzt schon tiefe Freundschaften geschlossen. Nach zwei Monaten in diesem Land voller Kulturen kann ich jetzt schon sicher sagen, dass ich Indien lieben gelernt habe - auch wenn es manchmal schwerfällt. (Anne Henkel) +++